Vermögen und Bedürfnisse

Ein Seminarleiter im germanistischen Institut sagte mal, in Rilkes „Duineser Elegien“ zeige sich des Autors ausgeprägtes Bedürfnisvermögen. Dass sich diese sonderbare Wortschöpfung auf den Alltag übertragen ließe, hätte ich damals nicht gedacht.

Ein ausgeprägtes Bedürfnisvermögen in Verbindung mit einer gewissen kindlichen Ungeduld legen auch die lieben Kleinen an den Tag. Und das schon sehr früh in der ersten Kernbetreuungszeit. Um 5.15 Uhr möchte der Mittelbruder seinen MP-3-Player aufgeladen bekommen, während der Kleinste in kurzen Abständen nach „Milch! Müsli! Windel! Vorlesen!“ kräht. Derweil treibt die Tochter ein Bedürfnis nach Unsinn, und ein viertel Liter Mineralwasser ergießt sich in ein halbvolles Milchglas. Lecker!

Wenig später will einer mit kurzen Hosen im Winter raus, der nächste gleich ganz ohne Jacke, Mütze und Handschuhe, aber dafür mit Lieblingskuscheltier, Fußball und Taschengeld, was alles auf Nimmerwiedersehen in der Einrichtung verschwinden würde. Zum Glück  hagelt es Kompromisse, und gegen 8.30 Uhr ist der Morgenspuk endlich vorbei. Die Kernarbeitszeit beginnt mit einer ganz prosaischen Elegie: Ich habe nicht das Bedürfnis, aber durchaus das Vermögen, es an den Nerven zu kriegen.

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