„Auch andere Mütter…“

Walter Schmidt schreibt über die bekanntesten Erziehungsfloskeln und was sie über die Eltern verraten

Elternsätze sollten wie Sprichwörter eine eigene Gattung bilden. Jeder kennt die gewollt lehrreichen Mahnungen, die Mama und Papa früher oft gebetsmühlenartig wiederholten, die aber genauso wenig fruchteten: „Es gibt noch Fußballspiele, dann leben wir nicht mehr“, sagte die Mutter immer, wenn der Sohn ins Bett musste, statt weiter fröhlich Europapokal im Fernsehen zu gucken. „Wer feiern kann, kann auch arbeiten“, sagte der Vater am Tag nach der viel zu harten Abi-Fete. Und der Klassiker handelte vom Aufessen: „Die Kinder von Äthiopien wären froh, wenn Sie so was Leckeres hätten.“ Wären Sie das wirklich?

Der Bonner Autor und Journalist Walter Schmidt hat sich der bekanntesten Erziehungsfloskeln angenommen. In seinem neuen Sachbuch „Solange du deine Füße…“ nimmt er 60 Elternweisheiten unter die Lupe, die wohl jeder in dieser oder anderer Form schon einmal gehört hat. Das ist ebenso unterhaltsam wie lehrreich, zumal Schmidt diverse Erziehungsexperten zu Wort kommen und auch seine eigenen Erfahrungen einfließen lässt. Schließlich ist der Autor, Jahrgang 1965, selbst Vater einer 15-jährigen Tochter.

Dabei sieht Schmidt die Rolle der Eltern – auch aus eigener Erfahrung als Sohn – durchaus kritisch: „Denn was nachdenkliche Eltern verstören kann und gerne auch darf, ist ihre Neigung, die eigenen Kinder mit denselben Maximen und Ermahnungen zu traktieren, denen sie selbst früher ausgesetzt waren und die mit der Zeit zu eingefleischten Familienregeln geworden sind.“ Und in der Tat ertappen sich auch die Eltern von heute regelmäßig dabei, das „vorformulierte Weisheitsgut“ strategisch oder manchmal auch unbewusst einzusetzen. Und zwar so oft, dass die Kinder die Elternfloskeln adaptieren und gegen ihre Erzeuger anwenden.

„So gehst du mir aber nicht aus dem Haus!“ ist so ein Spruch, den sich vor allem junge Mädchen immer wieder anhören müssen, wenn sie sich für eine Party aufbrezeln, um dort aufzufallen und mir ihren Reizen zu spielen, während Papa und Mama die unbestimmbare Angst haben, die Tochter werde wegen ihres anzüglichen Aufzuges gewiss umgehend geschwängert oder vergewaltigt.

Für Eltern wie Kinder gilt es, den Mittelweg zu finden. „Sei bloß vorsichtig!“ ist auch so ein Satz, den Walter Schmidt auseinander nimmt. „Für einen Hammer sieht alles aus wie ein Nagel“, beschreibt er die missliche Lage übervorsichtiger Eltern, die in jeder Handlung des Kindes zuerst die damit verbundenen Gefahren sehen. Dabei muss ein Kind doch ausprobieren, wozu es fähig ist, konstatiert Schmidt und zitiert Anselm Grün: „In den Schutzengel vertrauen und die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen.“

In seinem neuen Buch durchleuchtet Walter Schmidt Erziehungsfloskeln.

In seinem neuen Buch durchleuchtet Walter Schmidt Erziehungsfloskeln.

Das Titel gebende „Solange du deine Füße unter unseren Tisch stellst…“ wertet Schmidt als Machtgehabe und Drohgebärde, die mitunter mit Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zu tun habe. Mit dem Psychologen Hans-Werner Rückert plädiert Walter Schmidt für Diskurs und Streit statt unbedingter Folgsamkeit: „Man lernt, sich mit den eigenen Standpunkten und Meinungen auch gegenüber wichtigen Menschen durchzusetzen und sich wohlzufühlen, auch wenn man mit ihnen nicht übereinstimmt.“ So lernen Kinder, jene Spannungen zu ertragen, die sich aus Konflikten ergeben – eine der Schlüsselqualifikationen, die sie dringend im Leben brauchen.

Zu den Grundtugenden gehört auch der wertschätzende Umgang mit Nahrungsmitteln. Der Satz „Anderswo hungern die Kinder, und du wirfst dein Pausenbrot weg!“ ist aber nur bedingt hilfreich, schreibt Schmidt: „Kein junger Afrikaner stirbt an Nahrungsmangel, weil ein deutsches, englisches oder französisches Kind seine Mohnschnecke oder seine Bratwurst nicht aufisst.“ Statt des erhobenen pädagogischen Zeigefingers wäre es sinnvoller, von der Verschwendung in Deutschland zu erzählen, zum Beispiel dass jedes Jahr pro Kopf 82 Kilogramm noch verwertbarer Lebensmittel im Müll landen. Überzeugen statt Abwatschen, lautet das Motto.

„Auch andere Mütter haben schöne Töchter!“ inspiriert den Autor zu einer Abhandlung über die Biologie des Liebeskummers. Der Liebeskranke brauche Rückhalt und das Gefühl, nicht alleine mit seinem Schmerz zu sein. Da helfen keine Floskeln, sondern lieber ein ehrlich hilfloser, aber mitfühlender Satz wie „Ja, so was kann wehtun“ oder „Ich sehe, wie sehr dich das schmerzt, aber ich bin bei dir“.

Walter Schmidt ermuntert Eltern, ihren Kindern nicht immer nur zu sagen, was sie tun oder nicht tun sollten, sondern sie laufen und selber entscheiden zu lassen. Der Bonner Journalist zitiert den Kinderbuchautor und Vater von „Pettersson und Findus“, Sven Nordqvist: „Lass sie laufen, und wenn sie nahe an die Grenzen kommen, lauf hin und fang sie auf.“ Walter Schmidt plädiert ebenfalls dafür, den Kindern einen weiten Spielraum zu eröffnen und ihnen Dinge eher vorzuleben als sie ihnen zu verbieten oder vorzuschreiben.

Walter Schmidt: Solange du deine Füße… Was Erziehungsfloskeln über uns verraten. Eichborn, 286 S., Klappenbroschur, 14,99 Euro.

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